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Zu Fuß zur Hoffnung

Nach diesem furchtbaren Winter muss aufgeräumt werden. Es kann verdammt viel auf den Müll, wenn wir Platz für eine besseres Leben freimachen wollen.

Frühling wäre eigentlich ein guter Moment für Hoffnung. Die Sonne scheint, die Blumen blühen, die Normalität kehrt zurück, die Masken fallen. Dachten wir. Denn wenn sich auch die Versprechungen und Drohungen unserer Politiker reihenweise entlarven: Unser Land bleibt zwanghaft, das geht nicht so einfach weg. Wer den Optimismus verloren hat – und Grund dafür gab es in den letzten zwei Jahren genug -, kann sich vor dem weiteren Weg nur grausen. Vertrauen wir unseren Nachbarn noch? Die noch vor kurzem jede Gewaltfantasie gegenüber Spaziergängern und „Leugnern“ ausgelebt hätten? Wenn unser Land so manipulierbar, so gewaltbereit und freiheitsverachtend ist, wie es sich jetzt gezeigt hat: Kann es da überhaupt noch weitergehen? Ohne Einsicht, ohne Sühne, ohne Neuanfang? Mit einer Regierung, die nicht mal mehr Vorwände für Grundrechtseinschränkungen braucht?

Aber Moment mal – wer sagt eigentlich, welchen Weg wir gehen sollen? Bestimmen wir das am Ende nicht doch selbst? Zwei Jahre voller Ent-Täuschungen sind doch genau das: das Ende der Täuschungen. Schade, dass wir sie nicht früher durchschaut haben.

Also Kassensturz, Frühjahrsputz: Wer noch einen der gängigen Entrümpelungsratgeber zuhause hat, holt ihn raus und mistet aus. Was bleibt? Auf wen kann ich mich verlassen? Wen grüße ich nach den Eindrücken der C-Zeit besser nur noch von fern? Raus mit den falschen Freunden, Platz für ehrliche Begegnungen. Weg mit den alten Glaubenssätzen: Deutschland ist ein Land ohne Korruption? Einmal kurz gelacht. Auf unsere Gewaltenteilung können wir uns verlassen? Schön wär’s. Toleranz, Freiheitlichkeit und Respekt sind Teil des deutschen Wertesystems? Sonntagsreden.

Und dann neu sortieren: Das Grundgesetz bekommt einen Ehrenplatz im Regal auf erreichbarer Höhe, zum regelmäßigen Blättern. Daneben die Wolf Biermann-CD: Am Grunde der Moldau wandern die Steine, es liegen drei Kaiser begraben in Pra-haaag. Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine, die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag, dann kommt schon der Tag… Die guten Bücher, das Adressbuch mit den Nummern treuer Freunde, die Fotos der Kinder, eine Kiste mit Briefpapier. Platz für das, was wirklich wichtig ist. Für das, was auch ein Lockdown uns nicht nehmen kann. Wieder singen. Tanzen. Freunde sehen, kochen, diskutieren beim Wein bis tief in die Nacht. In der Natur sein. Rücken gerade machen. Das ist wichtig. Der Rest kann weg.

Und wenn wir nun schon ent-täuscht sind: Warum überlegen wir dann nicht gleich auch noch, wie es im Großen weitergehen kann? Unsere „Leistungsträger“ werden’s nicht richten, das müssen wir schon selber tun. Wie wäre es mit neuen Wohnformen, mit genossenschaftlichem Wirtschaften? Wie wäre es, wenn wir die Bildung unserer Kinder nicht mehr fraglos an die Schulen abtreten? Wenn wir eine Energieversorgung hätten, auf die wir uns verlassen können? Wäre es nicht viel besser, wenn alte Menschen gar nicht mehr in unheimliche „Heime“ kämen, wenn wir ihnen ermöglichen würden, so lange wie möglich selbstbestimmt zu leben? Und wenn es dann doch professionelle Pflege sein muss: Warum liegt sie nicht in kommunaler Hand? Damit jede Bürgermeisterin, jeder Ratsherr sich für sie verantwortlich fühlen muss? Schauen wir uns um. Das geht doch anderswo besser, warum nicht bei uns?

Dass all das nicht morgen umgesetzt ist, ist klar. Aber wenn wir nicht einmal überlegen, was wir ändern wollen: Woher soll das Neue dann kommen? Der Pfad zur Hoffnung ist ein Fußweg. Und mit Ideen gepflastert.

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