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Eintopf für Aschenbrödel

Oder: Warum es Zeit wird, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

In den Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte einst ein Mädchen im Haus seines Vaters. Das Mädchen war tüchtig und ordentlich, zahlte Steuern und hielt sich an die Gesetze. Eines Tages verreiste der Vater, und die Stiefmutter übernahm das Regiment im Haus. So begann eine schwere Zeit für das Mädchen. Stiefmutti trug ihm immer neue Arbeiten und Pflichten auf und nahm ihm alles, woran es sich erfreute. Zum Lohn durfte das Mädchen sich am Abend am Ofen zur Ruhe legen.

Es begab sich aber, dass ein Fest stattfinden sollte, zu dem alle jungen Menschen am Ort eingeladen waren. Das Mädchen bat darum, daran teilnehmen zu dürfen. Die Stiefmutter aber mahnte, es gebe eine tödliche Seuche im Land. Das Feiern sei nur denen erlaubt, die eine Maske trügen, sich die Hände desinfizierten und es schafften, mit 1,5 Meter Abstand vom Nachbarn zu tanzen. Außerdem seien ja auch noch die Linsen zu sortieren, die Stiefmutti hierfür zuvor eigens in die Herdasche geschüttet hatte.

Also las das Mädchen die Linsen aus der Asche, reinigte sich gründlich, zog eine Maske an und fragte, ob sie nun zum Fest gehen dürfe. Doch die Stiefmutter lachte nur: „Mit solch staubigen Kleidern willst Du zum Tanz gehen? Und uns tödliche Viren ins Haus bringen?“ So schloss sie das Mädchen in der Küche ein und fuhr davon, um ihre blond geföhnte Cousine in Brüssel zu besuchen.

Als erneut zum Fest eingeladen wurde, bat das Mädchen erneut, tanzen gehen zu dürfen. Die Stiefmutter jedoch sprach: „Nur mit einem offiziellen Testzertifikat kannst du zum Tanze gehen. Und dann sind noch die Linsen aus der Asche zu sortieren, du weißt, was du zu tun hast.“

Also ließ sich das Mädchen testen und sammelte in stundenlanger Kleinarbeit die Linsen aus der Asche. Als sie nun zur Stiefmutter kam, um sich zum Fest zu verabschieden, sagte diese: „Wo denkst du hin? Dein Testzertifikat ist inzwischen schon zu alt. Bleib zuhause, es ist sowieso besser für dich.“ Die Stiefmutter hingegen ließ sich von der Fahrbereitschaft zu einem Abendessen nach Karlsruhe bringen.

Inzwischen war mehr als ein Jahr vergangen, und das Mädchen sehnte sich sehr danach, einmal aus ihrer staubigen Küche herauszukommen. Als nun wieder ein Fest angekündigt wurde, fasste es sich ein Herz und versuchte noch einmal, die Stiefmutter zu erweichen. Die aber winkte von vornherein ab. „Wenn du dich nicht impfen lässt – und alle anderen im Land mit dir -, wirst du niemals tanzen. Ich kann dir zwar nicht sagen, ob er wirkt und wie gefährlich er ist. Aber ohne Impfstoff geht gar nichts. Und übrigens: Denk an die Linsen in der Asche“. Und ohne sich umzudrehen, ging sie zu einem Treffen mit einem wirren, selbst ernannten Epidemiologen, der sie gerade vom Auto aus angerufen hatte.

Das Mädchen seufzte und dachte nach. Sich irgendein Zeug spritzen lassen wollte sie nicht. Und so nahm sie die Linsen, kochte einen Eintopf daraus, lud alle Freunde zu sich zum Essen ein und tanzte mit ihnen, bis der Morgen anbrach. Und sie lebten lange und glücklich und regelten ihre Sachen allein.

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