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La crise, c’est moi! Abgesang auf eine viel zu lange Kanzlerschaft

Mutti wurde sie genannt. So uneigennützig, fürsorglich und sachlich. Was sie beschloss, war nicht Politik, es war das Notwendige. Es gab keine Alternativen. In diesen 16 Jahren haben wir verlernt, Demokratie als das Recht zum Widerspruch zu verstehen. Der Preis ist hoch.

Wer kann noch auswendig aufsagen, wie sich die Krisen in den letzten anderthalb Jahrzehnten aneinander reihten? Banken- und Eurokrise ab 2008. Die Rolle rückwärts in der AKW-Frage nach dem Fukushima-Unfall 2011. Die Migrationskrise 2015. Und endlich, endlich die willkommene Jahrhundertkrise rund um eine uns wohl bekannte Atemwegserkrankung, für deren mäßig erfolgreiche Bekämpfung wir die Gesundheit unserer Kinder, unsere Volkswirtschaft und unseren Rechtsstaat gern in Zahlung gegeben haben.

Mittendrin: die Kanzlerin. Wir haben uns daran gewöhnt, dass eine Politikerin, die nie für etwas stand, immer im Zentrum der Krise wiederzufinden war. Wir waren zufrieden, dass unser Land so vernünftig wirkte: dass es Griechenland in puncto Staatsfinanzen belehren, Ungarn in Migrationsangelegenheiten maßregeln, dass es auf Atomstrom verzichten konnte (auch wenn er am Ende aus Frankreich und Polen zugekauft wurde). Und dass es zu Beginn der Corona-Zeit durch seine ach so besonnenen Maßnahmen so wenige Tote zu beklagen hatte. Das demütige Deutschland – wie schön es war, wenn die Zeitungen berichteten, die EU sehne sich nach seiner Führerschaft. Nach der Anleitung durch die nüchternste aller Leitfiguren, die promovierte Physikerin, durch ihre Ost-Sozialisation vor Ideologien für alle Zeiten gefeit.

Dass es in dieser Zeit für Deutschland nicht wirklich weiter ging, haben wir gar nicht gemerkt. Das Tafelsilber ist reichhaltig, es gab viel zu verscherbeln. Dass Deutschland in Sachen Digitalisierung und Netzausbau eher ein Entwicklungsland ist, über das kleine baltische Staaten müde lächeln, besprechen wir lieber nicht. Wir haben unser Schul- und Hochschulsystem zu Durchlauferhitzern à la Bolognese gemacht – ohne Zeit für eigene Gedanken und Reifung. Wir verlassen uns auf die Innovationsfähigkeit unserer Ingenieur/innen, geben ihnen aber keinen Raum, um neue Dinge auszuprobieren. Unsere Alt-Konzerne widmeten sich währenddessen dem Erfinden von Betrugs-Software und wurden hierfür in Deutschland kaum zur Rechenschaft gezogen. Und egal, ob es um Europa ging, um den Klimaschutz, den man gegen den Naturschutz ausspielte, oder um den Umgang mit Covid19: Das, was als diskutable Meinung zugelassen wurde, wurde immer schmaler. Freiheit wurde die Freiheit derer, die ohnehin auf Linie waren. Schon galten die Grundrechte als Mittel zur Staatsbürgererziehung. Als nächstes wurde wissenschaftlicher Diskurs zur Quelle menschlicher tragödien erklärt. Und das Demonstrationsrecht aus Hygienegründen ausgesetzt.

Und die Kanzlerin? Umgab sich mit Beratern, die ihr immer empfahlen, was sie hören wollte. Blieb unangreifbar. Versteckte sich hinter dem Tragödienchor der Ministerpräsident/innen, die damit gehindert wurden, eigene Wege zu gehen. Gilt immer noch als beliebteste Figur unter den deutschen Politikern. Und zugleich als die unbeliebteste.

Adieu, Frau Dr. Merkel. Es fällt mir nichts ein, was im Guten von Ihnen bleibt. Sie hinterlassen ein Land, das sprachlos und aufgehetzt zugleich ist. Das sich erpressen lässt. Das nach repressiven Maßnahmen ruft und dem Nachbarn die persönlichsten Entscheidungen nicht mehr zubilligt. Ich werde Sie keine Sekunde vermissen.

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